Der chinesische Kalender ist ein astronomischer Lunisolarkalender, das heißt ein Kalender, der sowohl mit dem Sonnenzyklus (Jahr), als auch mit dem Mondzyklus (Monat) korrespondiert und nicht durch arithmetische Regeln, sondern durch astronomische Ereignisse definiert wird. Er wird heute in Ostasien zur Berechnung von Festen benutzt, allerdings verwenden sowohl die Volksrepublik China als auch Republik China auf Taiwan wie auch die meisten anderen asiatischen Länder offiziell den gregorianischen Kalender. In Taiwan wird jedoch eine abgewandelte Form benutzt, die Zeitrechnung beginnt ab der Gründung der Republik China 1912. Im Chinesischen heißt der traditionelle Kalender „Bauernkalender“ (chin. 農曆 nóngli), der ebenfalls verwendete gregorianische Kalender heißt „westlicher Kalender“ (xili 西曆 xīlì) oder „bürgerlicher Kalender“ (公曆 gōnglì).
Regelwerk
Der heutige Kalender, der seit 1645 gilt, lässt sich in den folgenden fünf Regeln zusammenfassen:
1. Bezugspunkt ist der 120. östliche Meridian (Peking: 116°25'O).
2. Der Tag beginnt um Mitternacht.
3. Der Neumond fällt immer auf den ersten Tag eines Monats.
4. Die Wintersonnenwende der Nordhalbkugel fällt immer auf den 11. Monat.
5. Wird ein Schaltmonat notwendig, so ist der erste Monat zwischen zwei Wintersonnenwenden, auf den kein Zhōngqì (chin. 中氣) fällt, ein Schaltmonat. Der Schaltmonat erhält dieselbe Zahl wie der vorherige Monat.
Die zwölf Zhōngqì teilen die Ekliptik in zwölf Teile von jeweils 30°, wobei die Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen vier der zwölf Zhōngqì sind. Der mittlere zeitliche Abstand zwischen zwei Zhōngqì beträgt somit ein Zwölftel eines tropischen Jahres oder 30,43685 Tage und ist etwas länger als der mittlere synodische Monat von 29,53059 Tagen.
Die Berechnung des chinesischen Kalenders ist deswegen so kompliziert, weil sie nicht auf den Mittelwerten, sondern auf den exakten astronomischen Stellungen von Mond und Sonne fußt. Die Zeit zwischen zwei Zhōngqì schwankt zwischen 29,44 und 31,44 Tagen, die eines synodischen Monats zwischen 29,27 und 29,84 Tagen. Daher kommt es in seltenen Fällen vor, dass auf einen Monat zwei Zhōngqì fallen und es Monate gibt, auf die kein Zhōngqì fällt, die aber nicht Schaltmonate sind (scheinbare Schaltmonate).
Eine genaue Auflistung der chinesischen Jahre findet sich im Artikel Chinesische Kalenderzyklen.
Der 60er-Zyklus
Der 60er-Zyklus der Jahre, Monate und Tage setzt sich aus einem Zyklus der zehn Himmelsstämme (tiāngān 天干) und der zwölf Erdzweige (dìzhī 地支), besser bekannt als die zwölf Tierzeichen, zusammen. Der 60-Tage-Zyklus geht mindestens bis ins 13. Jahrhundert v. Chr. zurück, auch der 60-Monat-Zyklus ist alt. Der 60-Jahre-Zyklus wurde im 3. Jahrhundert während der Han-Dynastie eingeführt. Heute ist nur noch der 60-Jahre-Zyklus beziehungsweise der 12-Jahre-Zyklus der Tierzeichen unter anderem für die chinesische Astrologie von Bedeutung.
Element Tier Symbol Jahr
Holz - Ratte - 甲子 - 1864 - 1924 - 1984
Holz - Büffel - 乙丑 - 1865 - 1925 - 1985
Feuer - Tiger - 丙寅 - 1866 - 1926 - 1986
Feuer - Hase - 丁卯 - 1867 - 1927 - 1987
Erde - Drache - 戊辰 - 1868 - 1928 - 1988
Erde - Schlange - 己巳 - 1869 - 1929 - 1989
Metall - Pferd - 庚午 - 1870 - 1930 - 1990
Metall - Schaf - 辛未 - 1871 - 1931 - 1991
Wasser - Affe - 壬申 - 1872 - 1932 - 1992
Wasser - Hahn - 癸酉 - 1873 - 1933 - 1993
Holz - Hund - 甲戌 - 1874 - 1934 - 1994
Holz - Schwein - 乙亥 - 1875 - 1935 - 1995
Feuer - Ratte - 丙子 - 1876 - 1936 - 1996
Feuer - Büffel - 丁丑 - 1877 - 1937 - 1997
Erde - Tiger - 戊寅 - 1878 - 1938 - 1998
Erde - Hase - 己卯 - 1879 - 1939 - 1999
Metall - Drache - 庚辰 - 1880 - 1940 - 2000
Metall - Schlange - 辛巳 - 1881 - 1941 - 2001
Wasser - Pferd - 壬午 - 1882 - 1942 - 2002
Wasser - Schaf - 癸未 - 1883 - 1943 - 2003
Holz - Affe - 甲申 - 1884 - 1944 - 2004
Holz - Hahn - 乙酉 - 1885 - 1945 - 2005
Feuer - Hund - 丙戌 - 1886 - 1946 - 2006
Feuer - Schwein - 丁亥 - 1887 - 1947 - 2007
Erde - Ratte - 戊子 - 1888 - 1948 - 2008
Erde - Büffel - 己丑 - 1889 - 1949 - 2009
Metall - Tiger - 庚寅 - 1890 - 1950 - 2010
Metall - Hase - 辛卯 - 1891 - 1951 - 2011
Wasser - Drache - 壬辰 - 1892 - 1952 - 2012
Wasser - Schlange - 癸巳 - 1893 - 1953 - 2013
Holz - Pferd - 甲午 - 1894 - 1954 - 2014
Holz - Schaf - 乙未 - 1895 - 1955 - 2015
Feuer - Affe - 丙申 - 1896 - 1956 - 2016
Feuer - Hahn - 丁酉 - 1897 - 1957 - 2017
Erde - Hund - 戊戌 - 1898 - 1958 - 2018
Erde - Schwein - 己亥 - 1899 - 1959 - 2019
Metall - Ratte - 庚子 - 1900 - 1960 - 2020
Metall - Büffel - 辛丑 - 1901 - 1961 - 2021
Wasser - Tiger - 壬寅 - 1902 - 1962 - 2022
Wasser - Hase - 癸卯 - 1903 - 1963 - 2023
Holz - Drache - 甲辰 - 1904 - 1964 - 2024
Holz - Schlange - 乙巳 - 1905 - 1965 - 2025
Feuer - Pferd - 丙午 - 1906 - 1966 - 2026
Feuer - Schaf - 丁未 - 1907 - 1967 - 2027
Erde - Affe - 戊申 - 1908 - 1968 - 2028
Erde - Hahn - 己酉 - 1909 - 1969 - 2029
Metall - Hund - 庚戌 - 1910 - 1970 - 2030
Metall - Schwein - 辛亥 - 1911 - 1971 - 2031
Wasser - Ratte - 壬子 - 1912 - 1972 - 2032
Wasser - Büffel - 癸丑 - 1913 - 1973 - 2033
Holz - Tiger - 甲寅 - 1914 - 1974 - 2034
Holz - Hase - 乙卯 - 1915 - 1975 - 2035
Feuer - Drache - 丙辰 - 1916 - 1976 - 2036
Feuer - Schlange - 丁巳 - 1917 - 1977 - 2037
Erde - Pferd - 戊午 - 1918 - 1978 - 2038
Erde - Schaf - 己未 - 1919 - 1979 - 2039
Metall - Affe - 庚申 - 1920 - 1980 - 2040
Metall - Hahn - 辛酉 - 1921 - 1981 - 2041
Wasser - Hund - 壬戌 - 1922 - 1982 - 2042
Wasser - Schwein - 癸亥 - 1923 - 1983 - 2043
Die zehn Himmelsstämme
Die zehn Himmelsstämme sind eine Kombination aus den fünf Wandlungsphasen sowie Yin und Yang.
1. 甲 chin. jiǎ, jap. kinoe (木の兄) oder kō: Holz und Yáng
2. 乙 chin. yǐ, jap. kinoto (木の弟) oder otsu: Holz und Yīn
3. 丙 chin. bǐng, jap. hinoe (火の兄) oder hei: Feuer und Yáng
4. 丁 chin. dīng, jap. hinoto (火の弟) oder tei: Feuer und Yīn
5. 戊 chin. wù, jap. tsuchinoe (土の兄) oder bo: Erde und Yáng
6. 己 chin. jǐ, jap. tsuchinoto (土の弟) oder ki: Erde und Yīn
7. 庚 chin. gēng, jap. kanoe (金の兄) oder kō: Metall und Yáng
8. 辛 chin. xīn, jap. kanoto (金の弟) oder shin: Metall und Yīn
9. 壬 chin. rén, jap. mizunoe (水の兄) oder jin: Wasser und Yáng
10. 癸 chin. guǐ, jap. mizunoto (水の弟) oder ki: Wasser und Yīn
Die zwölf Tierzeichen
1. 子 zǐ: Ratte (鼠 shǔ)
2. 丑 chǒu: Büffel (牛 niú)
3. 寅 yín: Tiger (虎 hǔ)
4. 卯 mǎo: Hase (兔 tù)
5. 辰 chén: Drache (龍 lóng)
6. 巳 sì: Schlange (蛇 shé)
7. 午 wǔ: Pferd (馬 mǎ)
8. 未 wèi: Schaf (羊 yáng)
9. 申 shēn: Affe (猴 hóu)
10. 酉 yǒu: Hahn (鷄 jī)
11. 戌 xū: Hund (狗 gǒu)
12. 亥 hài: Schwein (猪 zhū)
Die zwölf Tierzeichen oder Erdzweige werden auch zur Einteilung des Tages in zwölf (Doppel-)Stunden benutzt. Hierbei ist 子 die Stunde um Mitternacht, 午 die Stunde um Mittag. Im Chinesischen haben sich bis heute die Bezeichnungen 下午, xiawu (chin. Nachmittag) und 上午, shangwu (chin. Vormittag) erhalten, sowie im Japanischen wǔqián (午前, jap. gozen) für Vormittag und wǔhòu (午後, jap. gogo) für Nachmittag.
Die chinesischen Tierkreiszeichen werden nicht von der Sonne (wie im europäischen Horoskop) beeinflusst, sondern vom Mond. Ihr Zyklus dauert nicht zwölf Monate, sondern zwölf Jahre. Das chinesische Jahr beginnt nicht am 1. Januar, sondern liegt zwischen dem 21. Januar und dem 19. Februar, denn nach dem Mondkalender geht es erst an dem zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende los.
Die Menschen in Asien glauben an einen Horoskopzyklus, der zur Zeit der Han-Dynastie entstand. Die Entstehung dieses Zyklus geht auf eine Legende zurück: Zum Neujahrsfest lud Buddha alle Tiere seines Universums zu einem Fest ein. Doch nur zwölf erschienen – erst die Ratte, dann das Rind, es folgten Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Schaf, Affe, Hahn, Hund und als letztes Tier das Schwein. Zum Dank machte Buddha seinen Getreuen das Geschenk, dass jeder Herrscher über ein Jahr werden solle und alle Ereignisse und Schicksale bestimmen könne. So entstand der Legende nach das chinesische Horoskop.
Die 60 Kombinationen
Da 10 und 12 den gemeinsamen Teiler 2 haben, gibt es 10•12/2 = 60 Kombinationen von Stamm und Zweig (gānzhī 干支), auch nach der ersten Kombination jiǎzǐ (甲子) genannt. In der rechten Tabelle sind die 60 Kombinationen mit den zugehörigen Jahren im Zeitraum von 1864 bis 2043 aufgeführt. Zu beachten ist, dass das chinesische Neujahr (siehe oben) nicht mit dem des Gregorianischen Kalenders übereinstimmt.
Die 24 Stationen des Jahres
Das Jahr ist untergliedert in 24 Stationen, den 24 Jahreseinteilungen (jiéqì 節氣), die das Sonnenjahr in 24 Teile gliedern. Genauer gesagt, wird die Ekliptik in 24 Teile von je 15° (chūnfēn = 0° bis jīngzhé = 345°) unterteilt. Diese Stationen sind traditionell wichtig für die chinesische Landwirtschaft und werden auch heute noch in den meisten Kalendern in China und Taiwan verzeichnet. Klimatisch gesehen treffen sie eher für Nordchina zu, für Südchina weniger.
Beginnend mit Yǔshuǐ (雨水) ist jede zweite Station ein Zhōngqì (中氣). Aufgrund der Schaltjahre im Gregorianischen Kalender und der elliptischen Umlaufbahn der Erde ergeben sich leicht unterschiedliche Zeitabstände zwischen zwei Jahreseinteilungen. Deshalb schwanken die Daten etwas (entsprechend wie der Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winteranfang im Gregorianischen Kalender).
Frühling
1. 立春 Lìchūn – Frühlingsanfang (3.–5. Februar)
2. 雨水 Yǔshuǐ – Regenwasser (18.–20. Februar)
3. 驚蟄 Jīngzhé – Erwachen der Insekten (5.–7. März)
4. 春分 Chūnfēn – Frühlingstagundnachtgleiche (20.–22. März). Es sollte regnen.
5. 清明 Qīngmíng – Helle Klarheit bzw. helles Licht (4.–6. April) Das Fest der Gräberreinigung.
6. 穀雨 Gǔyǔ – Getreideregen bzw. Saatregen (19.–21. April) Zeit zur Weizensaat.
Sommer
1. 立夏 Lìxià – Sommeranfang (5.–7. Mai). Beginn des warmen Wetters.
2. 小滿 Xiǎomǎn – Kleine Fülle (20.–22. Mai). Ährenbildung, der Winterweizen muss geerntet werden.
3. 芒種 Mángzhòng – Körner mit Grannen (5.–7. Juni). Ende des Getreidewachstums.
4. 夏至 Xiàzhì – Sommerankunft (21.–22. Juni, Sommersonnenwende, entspricht Mittsommer) Längster Tag des Jahres.
5. 小暑 Xiǎoshǔ – Kleine Hitze (6.–8. Juli)
6. 大暑 Dàshǔ – Große Hitze (22.–24. Juli)
Herbst
1. 立秋 Lìqiū – Herbstbeginn (7.–9. August)
2. 處暑 Chǔshǔ – Ende der Hitze (22.–24. August)
3. 白露 Baílù – Weißer Tau (7.–9. September). Beginn des trockenen Wetters.
4. 秋分 Qiūfēn – Herbsttagundnachtgleiche (22.–24. September)
5. 寒露 Hánlù – Kalter Tau (8.–9. Oktober). Die ersten Blätter fallen.
6. 霜降 Shuāngjiàng – Fallender Reif (23.–24. Oktober). Der erste Frost.
Winter
1. 立冬 Lìdōng – Winterbeginn (7.–8. November)
2. 小雪 Xiǎoxuě – Mäßiger Schnee (22.–23. November)
3. 大雪 Dàxuě – Großer Schnee (6.–8. Dezember)
4. 冬至 Dōngzhì – Winterankunft (21.–23. Dezember, Wintersonnenwende)
5. 小寒 Xiǎohán – Mäßige Kälte (5.–7. Januar)
6. 大寒 Dàhán – Große Kälte (20.–21. Januar)
Weitere kulturelle Einflüsse
Der tibetische Kalender:
Der traditionelle tibetische Kalender ist vom chinesischen Kalender abgeleitet.
Der uigurische „Zwölf-Tiere-Kalender“
1258 wurde China Teil des mongolischen Imperiums. Der mongolische Khan Hülägü ließ in Maragheh ein Observatorium für den Astronom Nasir al-Din al-Tusi erbauen, bei dem auch einige chinesische Astronomen arbeiteten.
Im Resultat erhielt man den chinesisch-uigurischen Kalender, den al-Tusi in seinem Werk Zij-i Ilkhani beschreibt. Ein Zwölf-Jahre-Zyklus, mit Türkisch/Mongolischen Bezeichnungen der Tiernamen (auch bekannt unter dem Namen sanawat-e turki سنوات ترکی) wurde in der Chronologie, Historiografie und in der Bürokratie in allen Türkisch und Persisch sprechenden Gebieten Asiens von der heutigen Türkei bis in das heutige Indien vom frühen Mittelalter bis in die frühe Moderne genutzt. Im Iran wurde dieser Kalender in landwirtschaftlichen Aufzeichnungen bis zum Verbot im Jahre 1925 verwendet.